Wir halten neben einem frisch renovierten Bauernhaus und diskutieren über die Rasselbüchsen, die über den frisch gepflügten Äcker baumeln. Sie sind mit einer Schnur zum Wohnhaus verbunden, um die hartnäckigen Wildschweine zu vertreiben. Der hiesige Bauer ist ein gebildeter Mann und spricht gut Englisch. Er lädt uns alle zum Tee ein und wir diskutieren über die allgemeine "Wildlife-Situation". Neben dem Problem mit den Wildsschweinen stehen wiederum die Tiger im Mittelpunkt des Interesses. Seit hier vor einem knappen Jahr ein Mann von einem Tiger getötet wurde, leben die Leute ständig mit einem gewissen Unbehagen, das immer wieder in Angst oder sogar Panik umschlagen kann. In der Nacht geht niemand mehr alleine aus dem Haus, die Trittspuren der Tiger sind so nahe an den Siedlungen, dass überall Vorsicht geboten ist. Auch wenn das Risiko eines Tigerangriffs nach wie vor minimal ist, sind die Ängste gut nachvollziehbar. Ringsum die Höfe liegt pure Wildnis. Eine grüne Hölle, in der vielerorts noch keine Menschenseele das Dickicht durchdrungen hat. Die Naturgewalten sind so dominant, dass das Zusammenleben mit den Wildtieren noch heute eine Überlebensfrage ist. Die momentane Tigerpräsenz hat sich in den letzten Jahren zugespitzt. Dies ist aber kein Grund für die hiesige Bauernfamilie zu klagen. Für sie bleiben die Tiger ein zu respektierendes Tier, das ihnen eigentlich Glück bringen sollte. Sie betonen denn auch, dass Tiger eigentlich nie Menschen angreifen würden und der tödliche Zwischenfall letzten Jahres nur ein schicksalhafter Zufall war.
Nach dem gemeinsamen Tee und einigen Familiengeschichten fahren wir einige Kilometer weiter der Passstrasse entlang, bis wir zu Fuss auf einem steilen Waldpfad weitergehen. Wir wollen den Tatort des tödlichen Tigerangriffs besuchen. Der äusserst artenreiche Wald ist flechtenbehangen und eher licht als dicht. Die weissen Magnolienbäume blühen mit den roten Rododendren um die Wette. Das Moos leuchtet in der fahlen Sonne, die sich allmählich gegen die Nebelschwaden durchsetzt. Bei einer kleine Weggabelung halten die Wildhüter: Hier haben sich in der Morgendämmerung die Wege von Tiger und Bauer gekreuzt. Wir rekonstruieren die Szene, wie sie sich wohl abgespielt hat. Die Photos beeindrucken uns alle, vor allem beim Anblick der gewaltigen Trittspuren, wie auch den Nachtaufnahmen, die hier unweit vom "Tatort" einige Monate später gemacht wurden.
Mit einem gemütlichen Picknick am Strassenrand verarbeiten wir den spannenden Morgen, bedanken uns schliesslich bei den sehr sympathischen Wildhütern und ziehen weiter Richtung "little Switzerland", dem Hochtal von Bumthang. Noch lange erzählen unsere Mädchen während der Autofahrt vom Tigerangriff und auch bei ihnen schwankt die Geschichte zwischen Faszination und Ängsten.
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