Freitag, 8. April 2011

GNH Part II

Gibt es eine perfekte Kulturdiktatur? Ist Glück eine Angelegenheit des Staates? Kommen Philosophenkönige wieder einmal in Mode? Gibt es erfolgreiche Alternativen zum liberaldemokratischen Staatsmodell? Wohin wächst die junge, bhutanesische Demokratie?
Von allen Seiten wird Bhutan immer wieder gelobt, als Kleinstaat zwischen den zwei Giganten Indien und China auf wunderbare Weise Kultur und Natur geschickt zu erhalten: Ein Land, wo Tabakkonsum und Plastiksäcke verboten sind, wo Chili als Gemüse gegessen wird und wo Kleidungspflicht und Architekturdoktrin eine kulturelle Einheit schaffen, die seinsesgleichen wohl weltweit sucht. Nur dank einer geschickten und weitsichtigen Politik der Monarchen erscheint Bhutan heute als ein kleines Wunder im globalisierten Einheitsbrei von Kultur, 
Wirtschaft und Politik. Hätte sich dieses Land als Demokratie auch so erhalten? Wohl kaum, wage ich zu behaupten. Bereits im 19. Jahrhundert hat der politische Reisephilosoph Alexis de Tocqueville vor den gleichmachenden Tendenzen der Demokratie gewarnt. Eine liberal-egalitäre Gesellschaft birgt die Gefahr einer Uniformisierung von Werten und Ideen, obwohl sie Freiheit und Gerechtigkeit als Fundamente eines aufgeklärten und humanistischen Staatsideals erst ermöglicht.
Beim bhutanesischen Feierabendbier höre ich es mehr als einmal: "I don't like democracy". 2008 wurde erstmals ein Parlament gewählt. Die ersten Regionalwahlen sind auf den nächsten Monat angesetzt. Die Vorbereitungen dazu laufen auf Hochtouren. Eine gewisse Skepsis gegenüber dieser raschen Demokratisierung ist verständlich. Hat doch die bhutanesische Monarchie während ihrem über 100-jährigen Bestehen dank cleveren und weitsichtigen Königen Glück gehabt. Statt Tyrannei oder sinnlose Anhäufung von Reichtümern, hat sich ein buddhistischer Kulturstaat entwickelt, der Religion, Kunst und Natur über die wirtschaftlichen Wohlstandsindikatoren gestellt hat. Dies hat schliesslich zum "GNH"-Gedanken geführt, mit dem heute für die bhutanesische Staatsphilosophie geworben wird.
Ein Kleinstaat, umgeben von hohem Gebirge, würde noch heute Idealvoraussetzungen für gesellschaftliche Experimente mitbringen, wäre da nicht die Macht der globalen Vernetzung und die geopolitische "Sandwichsituation" zwischen Indien und China. China kontrolliert die nördliche Grenze mit Gewalt und hat als Machtdemonstration vor einigen Jahren 9000 km2 annektiert, indem sie eine Strasse in die höchstgelegene Region baute. Seither figurieren in den Landesstatistiken immer wieder 2 Landesflächen: Vorher 47'000 km2, nachher 38'000km2. Bhutan kann gegenüber solchen Machenschaften nur ohnmächtig zuschauen. Auf der südlichen Flanke strömen die Inder ins Land, die Bhutan, quasi als grosser Bruder, gut gesinnt sind, jedoch eine enorme Abhängikeit geschaffen haben. Sämtliche Wasserkraftprojekte und der ganze Bausektor werden von indischer Hand gelenkt und geprägt.
Die staatspolitischen Ideen des Himalaya-Zwerges verleiteten schon viele Reden zu romantischen oder gar euphorischen Worten zum buddhistischen Kulturstaat. Die realpolitischen Kräfteverhältnisse holen aber jede Träumerei wieder auf den Boden. Vielleicht deshalb hat der jetzige 31-jährige König die wirtschaftliche Entwicklung seit 2008 in den Vordergrund gerückt. Bleibt zu hoffen, dass damit die Eigenart und der buddhistische Lebenstil nicht aus den bhutanesischen Köpfen verdrängt wird.

Keine Kommentare: