Montag, 18. April 2011

Full Moon

Die Hitze kehrt langsam auf die Insel zurück. Nach dem verheerenden Unwetter, das vor unserer Ankunft über Kho Phangan während Tagen tobte, ist wieder Ruhe in die weissstrandigen Buchten eingekehrt. Während der Sintflut sind hier alle abgereist und der Tourismus brach völlig zusammen, sodass wir im Windschatten des Sturms auf verlassene Strände und menschenleere Strassen stiessen.
Dank der meteorologischen Entspannung und dem Vollmond, der hier Magnet eines speziellen, inzwischen weltbekannten Massenevents ist, ist diese touristische Ruhe aber bereits wieder Vergangenheit. Jeden Monat füllt sich hier die Insel intervallartig im Puls des Mondes: The Fullmoon-Party. Da die Strandkapazitäten, wie auf allen Inseln hier, limitiert sind, wird inzwischen auch bei Halbmond und Leermond gefeiert. Dazu gibt es Moonset-Bars, Fullmoon-Taxis und Blackmoon-Cocktails. Pro Party tanzen hier über 20'000 mit Leucht-Bikinis, bemalten Körpern und zugedröhnten Hirnzellen bis sich der Mond ins Meer tauchend verabschiedet. 
Überall tönt es nach Fullmoon-Party. Da sind die Kinderfragen natürlich vorprogrammiert. Sogar Enya fragt schon nach, was denn dies bedeutet. Wir sind umgeben von diesem einem Publikum, das nachtaktiv, tendenziell vergnügungssüchtig und geprägt ist von einem narzistisch-hedonistischen Lebenstil westlicher Ausprägung. Lia's Fragen dazu sind hartnäckig und treffen den Nagel auf den Kopf. Was machen die während der Nacht, wenn sie nicht schlafen gehen? Warum sind die immer so müde? Wieso trinken die so viel Bier? Wieso bemalen sich die Erwachsenen? Das machen doch sonst nur die Kinder... Wieso fahren die so schnell mit dem Töff, die wissen doch auch, dass dies gefährlich ist?
Wieder einmal sind wir die Exoten, denn diese Fullmoon-Szene, geprägt von jugendlicher Euphorie, Südseeromantik und Sex, Drugs und Techno-Grooves rauscht an uns vorbei, wie eine surreale Parallelwelt. Wir sind dankbar, nicht mit schwindligen Kopf und übermüdetem Gliedern die Vollmondwirkungen ausleben zu müssen.
Die ganze Insel leidet schon genügend an diesem dekadenten Partytourismus: Kriminalität, Abfallberge, Drogenexzessen und reihenweise Töffunfälle haben aus dem friedlichen Inseldasein ein tragisches Abbild des jugendlichen Massentourismus geschaffen. Nicht selten stören Drogenrazzien, Überfälle und Streitereien die sonst so friedliche Salzluft und das Wedeln der Kokospalmen.
Wie so oft schon erfahren, ist auch dieses Paradies trügerisch. Einige Tage Hinterhof-Musik und schon verwandeln sich auch die hiesigen paradiesischen Fassaden wieder in Eingangstore menschlicher Abgründe. Als Unbeteiligter hüte ich mich vor Schwarzmalerei oder moralisierendem Getue, fühle mich viel mehr wohl als abseitsstehender Beobachter und versuche auf der Sonnenseite der Dinge zu bleiben. Dies gelingt nicht zuletzt immer wieder dank unseren Mädchen, die dank der Natürlichkeit des kindlichen Blickes sowohl gesellschaftliche Dekadenz und wie auch menschliche Schattenseiten unter den Sand schaufeln.