Sonntag, 3. April 2011

GNH Part I

  "Gross National Happiness", kurz GNH, ist zu einem bhutanesischen Schlagwort geworden, das mit buddhistischem Charme und philosophischem Potential eine internationale Ausstrahlung erlangt hat. Das Konzept ist sowohl Quintessenz eigenständiger Überzeugungen wie auch Aushängeschild standortbezogener Marketinstrategien. Die ursprünglich Idee wollte die rein ökonomische Formel des Bruttosozialproduktes mit dem des Bruttosozialglücks als prioritärer Wohlstandsmassstab ersetzen. Eine verlockende Idee, haben doch viele ökonomische Theorien nicht zum erhofften Glück geführt. 
Wir stehen zwischen Wohnhaus und Stupa eines Bauern am Waldrand über Ura, einem ursprünglichen Bergdorf am Rande des Thrumsingla-Nationalparks. Er erzählt uns von Wildschweinen, Wachposten und Pilzen. Seine sanfte Entschlossenheit beeindruckt auch unsere Begleiter aus Thimpu. Er ist Präsident, der unlängst gegründeten Vereinigung der Pilzsammler. Der hier während der Monsunzeit spriessende Pilz, der Pine-Mushroom, hat ein gewissen Wohlstand und vermutlich auch ein wenig "Happiness" in die Gemeinde gebracht. Inzwischen ist die Gemeinde so gut organisiert, dass nur selten Konflikte entstehen. Mit strahlenden Augen erzählt der Pilzsammler-Präsident von seiner Familie und der Gemeinde, für die er sich jetzt selbstlos und unermüdlich engagiert. In seinem Garten ist eine Pilztrockner-Anlage installiert, die während der Regenzeit auf Hochtouren läuft. Vor allem die Japaner sind völlig verrückt nach diesem Pilz. Deshalb erzielt er für die hiesigen Verhältnisse traumhafte Preise. Die Verlockung des Reichtums hat schon manche Dorfgemeinschaft in Rivalitäten getrieben, nicht so in dieser Gemeinde mit 23 Haushalten. Alles wird zusammengelegt, Gewinne verteilt und wieder in die Dorfgemeinschaft investiert.
Ich lasse mir die hiesige Wildtierproblematik vom "Chief-Pilzsammler" gründlich erklären, mache ein paar Vorschläge für Änderungen und Verbesserungen, bis sich schliesslich herausstellt, dass hier momentan eine besonders aggressive und aufsässige Wildsau das Hauptproblem ist. In der Schweiz wäre diese schon lange tot. In Bhutan werden die Tiere wegen dem buddhistisch begründeten Respekt vor dem Leben nicht getötet, auch wenn sie grossen Schaden anrichten. Meine Argumentation des präventiven Abschusses stösst jedoch nicht nur auf taube Ohren. So entsteht eine spannende Diskussion über Nutzenmaximierung, Happiness und kulturelle Überzeugungen. Jedes Nutz- und Wildtier hat hier eine spezifische mythologische Bedeutung, sodass unsere Kosten-Nutzen-Analysen ins Leere laufen.
Die Bauern sind jedoch sehr offen, wenn es darum geht, die Dorfgemenschaft irgendwie glücklicher zu machen. Deshalb könnte sogar ein präventiver Abschuss von speziellen Störefrieden als Beitrag zur "GNH" verstanden werden. Unsere Diskussionen dazu werden noch bis nächste Woche andauern, wenn ich nochmals den Landwirtschaftsminister treffe.
Auf dem Rückweg fahren wir an vereinzelten Licht-und Soundalarmanlagen vorbei, welche die wilden Eindringlinge von den Feldern vertreiben sollen. Ebenso fallen mir aber die überall präsenten Wandmalereien der "4 Freunde" auf: Elefant, Affe, Hase und Adler, welche nur durch vereinte Kräfte die Früchte des "Happiness-Trees" erreichen. Die Bauern scheinen in ihrem Denken dieses Bild im Alltag so umzusetzen, dass wir in der Schweiz von solchem "Community-Geist" nur träumen können.

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