Mittwoch, 6. April 2011

Buddha und der liebe Gott

  Er gilt als der schönste Dzong Bhutans und liegt majestätisch zwischen zwei türkisblau leuchtenden Flüssen, die von mächtigen Gletschern aus dem tibetischen Grenzgebiet gespiesen werden. In allen Dzongs treffen sich Staat und Religion in einer beeindruckenden Architektur. Je nach Ort, scheint die Stimmung von den Mönchen oder von den Staatsangestellten stärker geprägt zu werden. Hier in Punakha übertönen die weinroten Mönchsgewänder und der Mantra-Gesang jegliche weltliche Aktivitäten.
Was für uns Erwachsene kulturelle und spirituelle Weiterbildung bedeutet, ist für die Kinder oft ein langweiliges Schwatzen und Umherlaufen. Vor allem Simea hat mit Klöstern nur wenig am Hut. Inzwischen haben wir mindestens zeitweise einen gemeinsamen Nenner gefunden, um die Interessenkonflikt zwischen jung und alt zu besänftigen: 
Der buthanesische Buddhismus ist ein komplexes Gebilde von Symbolen und Geschichten. Neben Buddha werden auch Guru Rinpoche und Zhabdrung Ngawang Namgyal verehrt. Dazu kommen Bodhisattvas, Rinpoches und Götter, die nicht selten an die indische Göttervielfalt erinnern. Während Guru Rinpoche im 8. Jh. den Buddhismus von Tibet nach Bhutan brachte, indem er verschiedenste Dämonen besiegte, hat Zhabdrung Ngawan Namgyal Bhutan 1639 geeinigt und die tibetischen Machtansprüche begraben. Diese Geschichte wird intensiv gewürdigt. So ruht im Dzong von Punakha die meist behütete Reliquie Bhutans: Eine kleine Statue des Bodhisattvas Chenresig, die aus einem Rückenwirbel des Grossvaters von Zhabdrung geschnitzt worden sei. Nur einmal im Jahr wird die Kostbarkeit dem Volk gezeigt. Ansonsten ruht sie in einem turmartigen Teil des Dzongs, der nur vom König, seinem Vater und dem Vorsteher des Klosters betreten werden darf.
Mit einer unerschöpflichen Sammlung von Geschichten wird das Kulturreisen selbst für Simea erträglich. Mei hat eine ausgeklügelte Technik entwickelt, historische und mythologische Geschichten kindergerecht aufzubereiten. Deshalb ist für Simea nun Guru Rinpoche wichtiger als das Rotkäppchen oder das Schneewittchen. Sie erfindet Geschichten, malt und träumt sogar von ihm. 
Während sich Simea in der Bilder- und Geschichtenwelt befindet, bewegt sich Lia viel mehr auf der philosphischen Schiene und versucht östliche und westliche Weltbilder miteinander zu vereinen. Denn der liebe Gott steht schliesslich ja auch noch hinter dem Buddha, obwohl wir seit längerem auf Bibelgeschichten verzichten. Dank den Kinderfragen wird uns immer wieder bewusst, wie einfach Religion gestaltbar ist und wie zerbrechlich Glaube und Spiritualität durch die kritische Vernunft werden. Die Empfänglichkeit und Neugier der Kinder erinnert an unsere Verantwortung, der wir nicht vertuschen wollen. Sowohl Buddha wie auch der liebe Gott sollen den Kindern zugänglich gemacht werden. Die Geschichtenwelt Bhutans eignet sich wegen ihrer Geschichtenvielfalt ausgezeichnet. Auch wenn sich der liebe Gott hier versteckt, wacht er für Lia im Hintergrund als Schöpfergott und ebenbürtiger Partner Buddhas.

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