Dienstag, 12. April 2011

Karma und Jigme

Jigme Trukpa spielt virtuos auf seiner kleinen Hirtenflöte , umgeben von 4 Musikern, in seiner seit 3 Monaten eröffneten Musikschule. Nach den himmlischen Klängen erklärt er uns, wie diese Melodie seit einigen Jahren alle nach Bhutan fliegenden Gäste in luftiger Höhe beim Anflug nach Paro begleitet. Tatsächlich erwacht in uns schnell die Erinnerung an die Wolkenfetzen und den frisch bezuckerten Hochebenen zwischen den Giganten des Himalayas.
Jigme Trukpas Flöten und Gitarren bilden einen einprägsamen Klangteppich bhutanesischer Eigenart. Zielstrebig und geduldig ist er seinem Lehrer und der langen musikalischen Tradition des Königreiches gefolgt, um heute als einer der bekanntesten Musikers Bhutans weit über die Landesgrenzen hinaus zu singen. Unser erstes Treffen wird gleich zu eine melodiösen Kulturbrücke mit seinem Flötensortiment und meinem Schwyzerörgeli. Wir spielen abwechslungsweise auf der kleinen Bühne im Konzertsääli für die ca. 20 Musikschüler, die zur Zeit die Schule besuchen. Die Örgeli-Klänge wirken zwar fremd für die Kinder, wechselt's jedoch vom Zuhören zum selber Ausprobieren, dann kippt die verhaltene Neugier rasch in ein begeistertes Chaos.
Für eine Woche bieten uns Karma und Jigme Haus und Musikschule in einem als Unterkunft an. Ihre Ruhe und die sanfte Bestimmtheit betten unseren Besuch in eine buddhistische Selbstverständlichkeit, die uns eine Lektion in bhutanesischer Gastfreundschaft vermittelt. Wir haben uns vor 3 Wochen erstmals gesehen und fühlen uns jetzt so, als ob wir schon jahrelange Freunde wären. Ihre Natürlichkeit, wie sie kommunizieren und handeln, ist keine Ausnahme in Bhutan. Nirgends haben wir eine Gesellschaft angetroffen, wo der buddhistische Lebenstil gegenüber uns Fremden so authentisch gelebt wird. Deshalb zeigt uns Bhutan nicht nur die ausgeprägte Gastfreundschaft sondern auch die Möglichkeit des "Anders-Seins", die Möglichkeiten in einer Gesellschaft, wo ein unterschiedliches Selbstverständnis gegenüber den indischen und chinesischen Nachbarn überlebt hat. Und ebenso zeigt die spezielle soziale Dynamik, dass Alternativen zur westlichen, liberal-individualistisch geprägten Globalisierungmoral eine Chance haben müssen.
Yangtsenma, die jüngere Tochter feiert diese Woche ihren 9. Geburtstag. Normalerweise wird nicht viel Aufhebens an Geburtstagen veranstaltet. Das Individuum bleibt irgendwie immer hinter dem Kollektiv zurück. So wird bei der Taufe nicht bewusst ein Namen ausgewählt, sondern von einem Mönchen, wenn möglich einem höheren Lama, ausgelost. Der Macht des Schicksals gehört das Vertrauen in der Namensgebung. Eben dieses Schicksal meint es gut mit Yangtsenma: Sie kriegt endlich ein richtiges Fahrrad und dazu gibt es erst noch einen richtigen Geburtstagskuchen. Namen-oder Geburtstagskult hin oder her, die rahmverschmierten Kindermäuler sprechen alle dieselbe Sprache.
Karma und Jigme stammen aus dem Osten des Landes aus sehr einfachen Bauerndörfern. Schon lange leben sie in der Hauptstadt. Ihr Stolz, ihre Herzen und ihre Wurzeln nähren sich aber immer noch in ihren Bergen. Vielleicht sind eben diese Berge einer der Hauptgründe, wieso sich ihre bhutanesische Identität nicht so schnell verändern lässt. Da hätten wir wieder eine Parallele zum Schweizerischen Bergler-Geist gefunden. Auch wenn sich dieser heute eher mit Ab- und Ausgrenzungs-Parolen der SVP verbündet als die Stärkung der eigenen Identität fördert, werden die Berge ihre integrative Kraft kultureller Eigenart nicht verlieren. 
Mit dem tibetisch-bhutanesischen Klassiker "The Black-Necked Crane" schliesst Jigme Trukpa sein Konzert ab. Der "Schwarzhals-Kranich" gilt als einer der meist bedrohten Spezies in der himalayschen Luft und dient mit seiner lebenslangen Treue einer bedeutenden Symbolik. Seine alljährliche Reise von Bhutan nach Tibet und wieder zurück wird schon seit Jahrhunderten besungen. Seine majestätischen Flügelschläge stehen ebenso für Ausdauer, Beharrlichkeit und Geduld, wie auch für Treue, Romantik und Liebe. Jigme verabschiedet sich mit seinen Musikern, lächelt verschmitzt und ich glaube, seine Gedanken lesen zu können: "Macht es wie die Black-Necked-Cranes und kommt wieder zurück nach Bhutan."