Im "I Ging" wird das menschliche Leben mit 8 verschiedenen Symbolen erfasst, indem sie miteinander zu 64 Doppelzeichen geordnet werden. Da alle dieser 64 Zeichen wiederum in eines der 64 Zeichen übergehen können, ergeben sich über 4000 mögliche Situationen, die abbildbar werden. Die ursprünglichen Verfasser des Buches glaubten, daraus die Gesamtheit aller Wandlungen oder Veränderungen der Welt darstellen zu können. Dabei geht der Makrokosmos zwischen Himmel und Erde Hand in Hand mit dem sozialem und psychologischen Wandel des menschlichen Mikrokosmos. Und so entwickelt sich ein komplexes Gebäude zwischen kosmologischer Orientierungen und menschlicher Beziehungen und Tätigkeiten, die ebenso als Inspiration für philosophische Betrachtungen wie auch für die Orakeltradition China's dient.
Samstag, 30. April 2011
I Ging
Donnerstag, 28. April 2011
Menschenflut
Es nieselt warm in den Freitagmorgen hinein. Ich stehe mit Andy und Enya auf der Schulwiese der "Clifford Estates School" in Panyu, einem Stadtteil von Guangzhou, ca. 200 km nordwestlich von Hongkong. Die Wiese ist bedeckt mit über 1000 Primarschülern. Heute ist Besuchstag, bzw. eine Art Tag der offenen Tür, wo eine perfekte chinesische Schulshow für Eltern, Bekannte und Freunde über die Bühne schillert. Die Nationalhymne eröffnet eine Darbietung, die nichts auslässt: Die Kinder tanzen, singen, musizieren mit unglaublicher Präzision und Disziplin, wie wir es von den gigantischen Massenanlässen aus China kennen. Das einzelne Individuum ist durchgetrimmt und arbeitet minutiös für das Kollektiv, sodass der Einzelne unkenntlich wird und das Gesamtbild umso beeindruckender wirkt. Neben Drachenfiguren, den chinesischen Tierkreiszeichen und diversen Tanztheatern, beeindrucken uns vor allem die perfekten Kung Fu-Choreographien der Jungs. León, Andy's Sohn turnt an vorderster Front. Die nächtliche Nervosität ist ihm nicht mehr anzusehen und er wirkt konzentriert und frisch wie alle anderen auch. Nach 3 Stunden farbigem, perfekt aufgeführten Kinderspektakel wird noch einmal das Vaterland besungen, bevor sich das Publikum langsam auflöst und mit dem wieder einsetzenden Nieselregen davonzieht.
Samstag, 23. April 2011
Yogainsel
Mei mischt seit einer Woche am Rande dieser Szene mit. Der Berner Yogi Reinhard Gammenthaler wurde für zwei Wochen Intensivkurs eingeladen. Sein Publikum ist ebenso vielfältig, wie das Yoga-Angebot auf der Insel. Mei's Woche ist intensiv und sie wirkt von Tag zu Tag physisch und psychisch entspannter. Die harte, disziplinierte Yogapraxis aus der "Berner Mattenschule" erscheint viel bodenständiger als die abgehobene verschworene Tantraszene der "Agama" Yoga-Schule: Ein Yoga-Schlagwort, zwei ziemlich unterschiedliche Wege mit differierenden Ein-, Vor und Yogastellungen, die faszinieren oder befremden. Irgendwie kriege ich das Gefühl nicht los, dass ich einer der wenigen Ausländer auf dieser Insel bin, die weder Yoga noch Fullmoonparties praktizieren. Sogar die Mädchen engagieren sich im Kinderyoga mit ihrer neuen Freundin Neves, die sie am Strand getroffen haben. Auch das Yogapublikum ist globalisiert, normalerweise eher älter als die Party-Junkies aber ebenso geprägt von hedonistisch-narzistischen Persönlichkeiten aus dem Westen. Als Insel-Szene-Markenzeichen ist mindestens ein Tattoo an exponierter Lage verlangt. Die meist gut geformten Körper verhüllen sich bei den Männern eher dürftig , währenddem die Frauen einen feenhaften Look zelebrieren, möglichst indisch, langrockig und langhaarig. Ein buntes Gemisch von Esoterik, Wahrheitssuche und Selbstverwirklichung hat sich hier zwischen Palmen, Sandstrand Dschungeldickicht eingenistet. Zufällig stossen wir auf diese bunte Menge während einem akkustischen Gitarrenkonzert im "Art Caffé". Zuerst spüren wir so etwas wie Kommunengeist dank lieblich fein angestimmten Beatles-Coverversionen. Da sich hier alle lieben, lächelt jeder, was er kann. Allerdings verspüre ich wenig Einfühlungsvermögen gegenüber Nicht-Eingeweihten. Kinder sind schon gar nicht erwünscht. So ernten wir mit den 3 Mädels glasige Blicke, als ob Kinder ein Vergehen gegen die spirituelle Selbstverwirklichung bedeute. Meine Kommunikationsversuche scheitern kläglich. Irgendwie läuft's mir kalt den Rücken runter ob so viel Liebes-Theater, nichts scheint natürlich, alles irgendwie wie im Film. Möglich, dass ich da einfach nicht mithalten kann, und ich diese feinstoffliche Ebene eher als absurdes Drama denn als spiritueller Weg wahrnehme.
Mittwoch, 20. April 2011
Auf dem Hund
Das Hundegebell der streunenden Heimatlosen begleitet uns seit Beginn unserer Reise. Überall sind sie, ob Strand, Gebirge, Dschungel, Stadt oder Reisfelder: Überall spielen, jagen, schnüffeln und paaren sie sich. Die Hundedichte pro Kopf ist wohl in vielen asiatischen Staaten viel kleiner als in der Schweiz. Die Hundepräsenz im öffentlichen Raum ist aber durch ihre Obdachlosigkeit allgegenwärtig. Sie sind zum Streunen geboren und leben in halb verwilderten Rudeln. Wie bei allen Hunden und Wölfen, die in freier oder halb-freier Wildbahn leben pflegen sie ein äusserst interessantes Sozialleben. Dies äussert sich für den Hundelaien vor allem nachts, wenn "Stammesfehden" und "Diskussionsrunden" in lautem Gebell und Gejaule ausgetragen werden. Nicht selten kommt es zu groben Raufereien mit Verletzten, um die Territorien und Rangordnungen neu festzulegen. Die Methoden zur Geburtenkontrolle und die Überwachung von Krankheiten oder Beissunfällen unterscheiden sich von Land zu Land. Vielerorts werden ab und zu Sterilisationskampagnen durchgeführt. Dies kostet Geld und ist dem Staat oft zu teuer. So formieren sich ab und zu auch Tierschutzorganisationen oder Freiwilligen-Einsätze.
Ein Spezialfall ist einmal mehr Bhutan: Die Hunde werden wegen dem buddhistischen Tötungsverbot nicht eingeschläfert, auch wenn sie sich in bedauernswertem Zustand durch die Strassen schleppen. In einzelnen Quartieren gibt es barmherzige "Hundepfleger", welche die Tiere füttern und verarzten. Vor allem in den grösseren Städten vermehren sich die Strassenhunde völlig unkontrolliert. In Paro wurden vor einigen Jahren zwei unkonventionelle Methoden zur Eindämmung der explodierenden Hundepopulation ausprobiert: Zuerst wurden alle Hunde eingesammelt und in der Nacht in einen grossen Verschlag zusammengepfercht. Am zweiten Tag war es um die guten Absichten geschehen. Die Hunde kämpften bis der Pferch eingestampft war und die Hunde wieder ihre angestammten Reviere eingenommen hatten. Der zweite Versuch endete mit dem selben Ergebnis: Die Hunde wurden auf Lastwagen in einem entlegenem Tal 100 km entfernt im Wald ausgesetzt. Nach 3 Tagen waren die meisten wieder in der Stadt vor denselben Müllhaufen und Haustüren zu finden, die sie schon immer bewohnten.
Verglichen mit europäischen Zuchtambitionen, Gesetzen und Vermarktung der Hundehaltung mag diese Streunerei einen barbarischen Eindruck hinterlassen. Beobachte ich diese Hunde eindringlich, wie sie ihr Wolfsblut ausleben, bin ich jedoch überzeugt, dass sie die glücklicheren Tiere sind, auch wenn der Vergleich problematisch bleiben muss. Aggressivität gegenüber dem Menschen habe ich bisher noch nie erlebt. Einzig am Tag des Vollmondes war die Stimmung unter den Vierbeinern leicht angereizt. Beim Betrachten der Fullmoonparty-Besucher würde ich mich als Hund in diesen Tagen nicht anders verhalten: Knurren, Lefzen ziehen und höchste Alarmbereitschaft erstellen.
Montag, 18. April 2011
Full Moon
Die Hitze kehrt langsam auf die Insel zurück. Nach dem verheerenden Unwetter, das vor unserer Ankunft über Kho Phangan während Tagen tobte, ist wieder Ruhe in die weissstrandigen Buchten eingekehrt. Während der Sintflut sind hier alle abgereist und der Tourismus brach völlig zusammen, sodass wir im Windschatten des Sturms auf verlassene Strände und menschenleere Strassen stiessen.
Überall tönt es nach Fullmoon-Party. Da sind die Kinderfragen natürlich vorprogrammiert. Sogar Enya fragt schon nach, was denn dies bedeutet. Wir sind umgeben von diesem einem Publikum, das nachtaktiv, tendenziell vergnügungssüchtig und geprägt ist von einem narzistisch-hedonistischen Lebenstil westlicher Ausprägung. Lia's Fragen dazu sind hartnäckig und treffen den Nagel auf den Kopf. Was machen die während der Nacht, wenn sie nicht schlafen gehen? Warum sind die immer so müde? Wieso trinken die so viel Bier? Wieso bemalen sich die Erwachsenen? Das machen doch sonst nur die Kinder... Wieso fahren die so schnell mit dem Töff, die wissen doch auch, dass dies gefährlich ist?
Wie so oft schon erfahren, ist auch dieses Paradies trügerisch. Einige Tage Hinterhof-Musik und schon verwandeln sich auch die hiesigen paradiesischen Fassaden wieder in Eingangstore menschlicher Abgründe. Als Unbeteiligter hüte ich mich vor Schwarzmalerei oder moralisierendem Getue, fühle mich viel mehr wohl als abseitsstehender Beobachter und versuche auf der Sonnenseite der Dinge zu bleiben. Dies gelingt nicht zuletzt immer wieder dank unseren Mädchen, die dank der Natürlichkeit des kindlichen Blickes sowohl gesellschaftliche Dekadenz und wie auch menschliche Schattenseiten unter den Sand schaufeln.
Dank der meteorologischen Entspannung und dem Vollmond, der hier Magnet eines speziellen, inzwischen weltbekannten Massenevents ist, ist diese touristische Ruhe aber bereits wieder Vergangenheit. Jeden Monat füllt sich hier die Insel intervallartig im Puls des Mondes: The Fullmoon-Party. Da die Strandkapazitäten, wie auf allen Inseln hier, limitiert sind, wird inzwischen auch bei Halbmond und Leermond gefeiert. Dazu gibt es Moonset-Bars, Fullmoon-Taxis und Blackmoon-Cocktails. Pro Party tanzen hier über 20'000 mit Leucht-Bikinis, bemalten Körpern und zugedröhnten Hirnzellen bis sich der Mond ins Meer tauchend verabschiedet.
Wieder einmal sind wir die Exoten, denn diese Fullmoon-Szene, geprägt von jugendlicher Euphorie, Südseeromantik und Sex, Drugs und Techno-Grooves rauscht an uns vorbei, wie eine surreale Parallelwelt. Wir sind dankbar, nicht mit schwindligen Kopf und übermüdetem Gliedern die Vollmondwirkungen ausleben zu müssen.
Die ganze Insel leidet schon genügend an diesem dekadenten Partytourismus: Kriminalität, Abfallberge, Drogenexzessen und reihenweise Töffunfälle haben aus dem friedlichen Inseldasein ein tragisches Abbild des jugendlichen Massentourismus geschaffen. Nicht selten stören Drogenrazzien, Überfälle und Streitereien die sonst so friedliche Salzluft und das Wedeln der Kokospalmen.
Samstag, 16. April 2011
I'm from here
Es ist bereits dunkel und wir fahren mit dem Töff durch die Kokoshaine Kho Phangans. Enya plaudert in Hochform auf meinem Rücken im Tragrucksack drauflos: I'm from Bhutan. I'm from Bhutan. I'm from Bhutan! Als ich nachfrage, Enya where do you come from? antwortet sie nach kurzem Zögern: Switzerland. Nach kurzer Pause überlegt sie weiter und plötzlich wiederholt sie mehrmals: I'm from Bangkok. Ich bin sowohl gut unterhalten wie auch etwas ratlos gegenüber ihrer scheinbar zufälligen Plauderei. Ist dies nun ein übermütiges Abendgeplapper oder eine naive Suche nach dem Ursprung. Da "Identität" eines meiner Lieblingsthemen verkörpert, neige ich dazu, meine intellektuellen Vorlieben in die Kinderfragen und Bemerkungen hineinzuprojezieren. Ich hüte mich aber trotzdem, die äusserst unterhaltsamen Augenblicke mit Erklärungen zu entzaubern. Ansonsten würde ich dem so charmanten Geplauder den naiven Reiz aberkennen. Enya fährt aber begeistert fort mit ihrer Standortbestimmung und wechselt nun regelmässig zwischen Bhutan, Switzerland und Bangkok hin und her. Ich spiele mit und frage ab und zu wieder nach. Nach einer längeren Stille insistiert Enya plötzlich und sagt: "Papa, Papa, Papa.... I'm from here." Da verschlägt es mir beinahe die Sprache und ich staune nur noch vor mich hin, wie dieses Geplauder doch noch einen tiefgründigen Hintergrund offenbart. "I'm from here" ist nicht nur Beweis, wie Enya das Reisen bewusst verdaut, sondern auch ein Lehrstück kindlicher Wahrnehmung des Augenblicks. Schlussendlich ist das Hier und Jetzt so wichtig, das auch das Fragen nach unserer Herkunft im Moment versinkt. Es zeigt, wie anpassungsfähig Kinder sind und wie das Reisen zur Nebensache wird, wenn der Augenblick das Mass aller Dinge ist.
Donnerstag, 14. April 2011
Dienstag, 12. April 2011
Karma und Jigme
Jigme Trukpa spielt virtuos auf seiner kleinen Hirtenflöte , umgeben von 4 Musikern, in seiner seit 3 Monaten eröffneten Musikschule. Nach den himmlischen Klängen erklärt er uns, wie diese Melodie seit einigen Jahren alle nach Bhutan fliegenden Gäste in luftiger Höhe beim Anflug nach Paro begleitet. Tatsächlich erwacht in uns schnell die Erinnerung an die Wolkenfetzen und den frisch bezuckerten Hochebenen zwischen den Giganten des Himalayas.
Jigme Trukpas Flöten und Gitarren bilden einen einprägsamen Klangteppich bhutanesischer Eigenart. Zielstrebig und geduldig ist er seinem Lehrer und der langen musikalischen Tradition des Königreiches gefolgt, um heute als einer der bekanntesten Musikers Bhutans weit über die Landesgrenzen hinaus zu singen. Unser erstes Treffen wird gleich zu eine melodiösen Kulturbrücke mit seinem Flötensortiment und meinem Schwyzerörgeli. Wir spielen abwechslungsweise auf der kleinen Bühne im Konzertsääli für die ca. 20 Musikschüler, die zur Zeit die Schule besuchen. Die Örgeli-Klänge wirken zwar fremd für die Kinder, wechselt's jedoch vom Zuhören zum selber Ausprobieren, dann kippt die verhaltene Neugier rasch in ein begeistertes Chaos.
Karma und Jigme stammen aus dem Osten des Landes aus sehr einfachen Bauerndörfern. Schon lange leben sie in der Hauptstadt. Ihr Stolz, ihre Herzen und ihre Wurzeln nähren sich aber immer noch in ihren Bergen. Vielleicht sind eben diese Berge einer der Hauptgründe, wieso sich ihre bhutanesische Identität nicht so schnell verändern lässt. Da hätten wir wieder eine Parallele zum Schweizerischen Bergler-Geist gefunden. Auch wenn sich dieser heute eher mit Ab- und Ausgrenzungs-Parolen der SVP verbündet als die Stärkung der eigenen Identität fördert, werden die Berge ihre integrative Kraft kultureller Eigenart nicht verlieren.
Für eine Woche bieten uns Karma und Jigme Haus und Musikschule in einem als Unterkunft an. Ihre Ruhe und die sanfte Bestimmtheit betten unseren Besuch in eine buddhistische Selbstverständlichkeit, die uns eine Lektion in bhutanesischer Gastfreundschaft vermittelt. Wir haben uns vor 3 Wochen erstmals gesehen und fühlen uns jetzt so, als ob wir schon jahrelange Freunde wären. Ihre Natürlichkeit, wie sie kommunizieren und handeln, ist keine Ausnahme in Bhutan. Nirgends haben wir eine Gesellschaft angetroffen, wo der buddhistische Lebenstil gegenüber uns Fremden so authentisch gelebt wird. Deshalb zeigt uns Bhutan nicht nur die ausgeprägte Gastfreundschaft sondern auch die Möglichkeit des "Anders-Seins", die Möglichkeiten in einer Gesellschaft, wo ein unterschiedliches Selbstverständnis gegenüber den indischen und chinesischen Nachbarn überlebt hat. Und ebenso zeigt die spezielle soziale Dynamik, dass Alternativen zur westlichen, liberal-individualistisch geprägten Globalisierungmoral eine Chance haben müssen.
Yangtsenma, die jüngere Tochter feiert diese Woche ihren 9. Geburtstag. Normalerweise wird nicht viel Aufhebens an Geburtstagen veranstaltet. Das Individuum bleibt irgendwie immer hinter dem Kollektiv zurück. So wird bei der Taufe nicht bewusst ein Namen ausgewählt, sondern von einem Mönchen, wenn möglich einem höheren Lama, ausgelost. Der Macht des Schicksals gehört das Vertrauen in der Namensgebung. Eben dieses Schicksal meint es gut mit Yangtsenma: Sie kriegt endlich ein richtiges Fahrrad und dazu gibt es erst noch einen richtigen Geburtstagskuchen. Namen-oder Geburtstagskult hin oder her, die rahmverschmierten Kindermäuler sprechen alle dieselbe Sprache.
Mit dem tibetisch-bhutanesischen Klassiker "The Black-Necked Crane" schliesst Jigme Trukpa sein Konzert ab. Der "Schwarzhals-Kranich" gilt als einer der meist bedrohten Spezies in der himalayschen Luft und dient mit seiner lebenslangen Treue einer bedeutenden Symbolik. Seine alljährliche Reise von Bhutan nach Tibet und wieder zurück wird schon seit Jahrhunderten besungen. Seine majestätischen Flügelschläge stehen ebenso für Ausdauer, Beharrlichkeit und Geduld, wie auch für Treue, Romantik und Liebe. Jigme verabschiedet sich mit seinen Musikern, lächelt verschmitzt und ich glaube, seine Gedanken lesen zu können: "Macht es wie die Black-Necked-Cranes und kommt wieder zurück nach Bhutan."
Sonntag, 10. April 2011
Highland Girl
Laya entspricht einem typischen Bergdorf im Himalaya, umgeben von Berggiganten, geprägt vom harten Leben im Gebirge, belebt von einem eigenständigen und hartköpfigen Bergvolk, den Laya-Nomaden. Laya ist der Hauptdrehort des neu erschienenen bhutanesischen Spielfilms "The Highland Girl". Voller Emotionen blicke ich mit den 300 geladenen Gästen auf die riesige Leinwand des Thorwa-Theaters in Thimpu. Ich sitze auf der Ehrentribune direkt hinter Königsfamilie und Ministern. Der Film erzählt die Liebesgeschichte eines Paars, das durch Hinterlist getrennt wird, indem das Mädchen in die Grossstadt gelockt wird. Die anfängliche Faszination der Hauptstadt wird bald zum Albtraum und so verläuft die Geschichte tragisch, bis sie schliesslich doch noch in einem Happy-End mündet, natürlich auf den Weiden des wildromantischen Tales der "Layas".
Zur Eröffnung des Fonds für "Human Wildlife Conflict Management" ist eine bunte Schar von Staatsangestellten, NGO's, Medienleuten und einigen wenigen ausländischen Gästen zusammengekommen. Was für diesen Fond den Startschuss bedeutet, steht als symbolischen Schlusspunkt für unseren Know-how-Exchange der vergangenen Wochen. Das Thema hat hier einen weit grösseren "Impact" als bei uns, da die 60 % der Bevölkerung, die ausschliesslich von der Landwirtschaft leben, fast alle irgendwie davon betroffen sind. Entsprechend gross ist das Interesse am heutigen Anlass. Für mich ist es eine gute Gelegenheit, viele Leute, die ich getroffen habe, noch einmal zu sehen. Innerhalb von einem Monat, bin ich in rasantem Tempo in die bhutanesische Eigenarten eingetaucht. Vielleicht sind deshalb die 2 1/2 Stunden Herzschmerz der Liebesgeschichte aus Laya so schnell vorbei. Vielleicht vermisse ich auch deswegen die Untertitel nicht, da mir die Leute, das Land und die Kultur inzwischen so vertraut sind, dass Vieles ohne Worte verständlich erscheint.
Will Bhutan seine ehrgeizige Strategie zu Eindämmung der Wildtierschäden in der Landwirtschaft umsetzen, braucht es in den nächsten Jahren Ressourcen, die momentan fehlen. Deshalb ist der Zeitpunkt optimal gewählt, eine grossangelegte Geldsuche zu starten. Nur Zufall war deshalb mein Besuch nicht, da das Anliegen besonders auch dem zuständigen Minister, einem ehemaligen Hirtenbub, am Herzen liegt.
Der sozialpolitische Hintergrund der Leinwandgeschichte steht ganz im Zeichen der heutigen Stadt-Land-Dynamik Bhutans. Die Entvölkerung der sonst schon wenig besiedelten, entlegenen Gebiete schreitet voran, trotz staatlicher Massnahmen, die dagegen wirken sollen. Deshalb stehen schon neu errichtete Schulhäuser in den überalterten Dörfern fast leer und Thimpu erlebt einen beispiellosen Wachstumsschub. Der Druck der Wildtiere auf die verbliebenen landwirtwirtschaftlichen Flächen hat schon manchen Bauern zum Nachdenken nach alternativen Einkommensquellen inspiriert. Aus diesem Grund spielt das "Wildlife Conflict Management" eine wichtige Rolle im Kampf gegen die Landflucht. Gelingt es, griffige Schutzmassnahmen gezielt und möglichst billig umzusetzen, könnte vielleicht die Tendenz der Abwanderung gebremst werden.
Inzwischen ist es dunkel geworden und wir sind der Einladung zum Nachtessen mit den Gästen der Fond-Eröffnungsfeier gefolgt. Die Mädchen und Mei sitzen herausgeputzt in der Kira ringsum ein Lagerfeuer, das uns wärmt und die Tanzgruppe im Hintergrund feurig beleuchtet. Eine schönere Abschlussfeier unseres Aufenthaltes hier hätten wir uns nicht vorstellen können. Dankbar und glücklich geben wir uns der Musik hin, schwatzen, trinken und essen mit den immer munter werdenden Bhutanern in die Nacht hinein.
Freitag, 8. April 2011
GNH Part II
Gibt es eine perfekte Kulturdiktatur? Ist Glück eine Angelegenheit des Staates? Kommen Philosophenkönige wieder einmal in Mode? Gibt es erfolgreiche Alternativen zum liberaldemokratischen Staatsmodell? Wohin wächst die junge, bhutanesische Demokratie?
Wirtschaft und Politik. Hätte sich dieses Land als Demokratie auch so erhalten? Wohl kaum, wage ich zu behaupten. Bereits im 19. Jahrhundert hat der politische Reisephilosoph Alexis de Tocqueville vor den gleichmachenden Tendenzen der Demokratie gewarnt. Eine liberal-egalitäre Gesellschaft birgt die Gefahr einer Uniformisierung von Werten und Ideen, obwohl sie Freiheit und Gerechtigkeit als Fundamente eines aufgeklärten und humanistischen Staatsideals erst ermöglicht.
Beim bhutanesischen Feierabendbier höre ich es mehr als einmal: "I don't like democracy". 2008 wurde erstmals ein Parlament gewählt. Die ersten Regionalwahlen sind auf den nächsten Monat angesetzt. Die Vorbereitungen dazu laufen auf Hochtouren. Eine gewisse Skepsis gegenüber dieser raschen Demokratisierung ist verständlich. Hat doch die bhutanesische Monarchie während ihrem über 100-jährigen Bestehen dank cleveren und weitsichtigen Königen Glück gehabt. Statt Tyrannei oder sinnlose Anhäufung von Reichtümern, hat sich ein buddhistischer Kulturstaat entwickelt, der Religion, Kunst und Natur über die wirtschaftlichen Wohlstandsindikatoren gestellt hat. Dies hat schliesslich zum "GNH"-Gedanken geführt, mit dem heute für die bhutanesische Staatsphilosophie geworben wird.
Ein Kleinstaat, umgeben von hohem Gebirge, würde noch heute Idealvoraussetzungen für gesellschaftliche Experimente mitbringen, wäre da nicht die Macht der globalen Vernetzung und die geopolitische "Sandwichsituation" zwischen Indien und China. China kontrolliert die nördliche Grenze mit Gewalt und hat als Machtdemonstration vor einigen Jahren 9000 km2 annektiert, indem sie eine Strasse in die höchstgelegene Region baute. Seither figurieren in den Landesstatistiken immer wieder 2 Landesflächen: Vorher 47'000 km2, nachher 38'000km2. Bhutan kann gegenüber solchen Machenschaften nur ohnmächtig zuschauen. Auf der südlichen Flanke strömen die Inder ins Land, die Bhutan, quasi als grosser Bruder, gut gesinnt sind, jedoch eine enorme Abhängikeit geschaffen haben. Sämtliche Wasserkraftprojekte und der ganze Bausektor werden von indischer Hand gelenkt und geprägt.
Die staatspolitischen Ideen des Himalaya-Zwerges verleiteten schon viele Reden zu romantischen oder gar euphorischen Worten zum buddhistischen Kulturstaat. Die realpolitischen Kräfteverhältnisse holen aber jede Träumerei wieder auf den Boden. Vielleicht deshalb hat der jetzige 31-jährige König die wirtschaftliche Entwicklung seit 2008 in den Vordergrund gerückt. Bleibt zu hoffen, dass damit die Eigenart und der buddhistische Lebenstil nicht aus den bhutanesischen Köpfen verdrängt wird.
Von allen Seiten wird Bhutan immer wieder gelobt, als Kleinstaat zwischen den zwei Giganten Indien und China auf wunderbare Weise Kultur und Natur geschickt zu erhalten: Ein Land, wo Tabakkonsum und Plastiksäcke verboten sind, wo Chili als Gemüse gegessen wird und wo Kleidungspflicht und Architekturdoktrin eine kulturelle Einheit schaffen, die seinsesgleichen wohl weltweit sucht. Nur dank einer geschickten und weitsichtigen Politik der Monarchen erscheint Bhutan heute als ein kleines Wunder im globalisierten Einheitsbrei von Kultur,
Mittwoch, 6. April 2011
Buddha und der liebe Gott
Was für uns Erwachsene kulturelle und spirituelle Weiterbildung bedeutet, ist für die Kinder oft ein langweiliges Schwatzen und Umherlaufen. Vor allem Simea hat mit Klöstern nur wenig am Hut. Inzwischen haben wir mindestens zeitweise einen gemeinsamen Nenner gefunden, um die Interessenkonflikt zwischen jung und alt zu besänftigen:
Der buthanesische Buddhismus ist ein komplexes Gebilde von Symbolen und Geschichten. Neben Buddha werden auch Guru Rinpoche und Zhabdrung Ngawang Namgyal verehrt. Dazu kommen Bodhisattvas, Rinpoches und Götter, die nicht selten an die indische Göttervielfalt erinnern. Während Guru Rinpoche im 8. Jh. den Buddhismus von Tibet nach Bhutan brachte, indem er verschiedenste Dämonen besiegte, hat Zhabdrung Ngawan Namgyal Bhutan 1639 geeinigt und die tibetischen Machtansprüche begraben. Diese Geschichte wird intensiv gewürdigt. So ruht im Dzong von Punakha die meist behütete Reliquie Bhutans: Eine kleine Statue des Bodhisattvas Chenresig, die aus einem Rückenwirbel des Grossvaters von Zhabdrung geschnitzt worden sei. Nur einmal im Jahr wird die Kostbarkeit dem Volk gezeigt. Ansonsten ruht sie in einem turmartigen Teil des Dzongs, der nur vom König, seinem Vater und dem Vorsteher des Klosters betreten werden darf.
Mit einer unerschöpflichen Sammlung von Geschichten wird das Kulturreisen selbst für Simea erträglich. Mei hat eine ausgeklügelte Technik entwickelt, historische und mythologische Geschichten kindergerecht aufzubereiten. Deshalb ist für Simea nun Guru Rinpoche wichtiger als das Rotkäppchen oder das Schneewittchen. Sie erfindet Geschichten, malt und träumt sogar von ihm.
Während sich Simea in der Bilder- und Geschichtenwelt befindet, bewegt sich Lia viel mehr auf der philosphischen Schiene und versucht östliche und westliche Weltbilder miteinander zu vereinen. Denn der liebe Gott steht schliesslich ja auch noch hinter dem Buddha, obwohl wir seit längerem auf Bibelgeschichten verzichten. Dank den Kinderfragen wird uns immer wieder bewusst, wie einfach Religion gestaltbar ist und wie zerbrechlich Glaube und Spiritualität durch die kritische Vernunft werden. Die Empfänglichkeit und Neugier der Kinder erinnert an unsere Verantwortung, der wir nicht vertuschen wollen. Sowohl Buddha wie auch der liebe Gott sollen den Kindern zugänglich gemacht werden. Die Geschichtenwelt Bhutans eignet sich wegen ihrer Geschichtenvielfalt ausgezeichnet. Auch wenn sich der liebe Gott hier versteckt, wacht er für Lia im Hintergrund als Schöpfergott und ebenbürtiger Partner Buddhas.
Montag, 4. April 2011
Tierisch
Auf der Reise von Trongsa nach Thimpu durchqueren wir ein Gebiet mit nahezu alpinen Weiden so um die 3200 Metern über Meer. Allerdings sind die offenen Flächen mit einer Art Zwergbambus durchsetzt und die Weiden umgeben von ausgedehnten Nadelwäldern. Trotz der unterschiedlichen Vegetation gegenüber unseren Alpweiden, kommt beim Betrachten der gemütlich kauenden Yaks so etwas wie Vorfreude auf den bevorstehenden Sommer auf. Auch hier machen sich die Yakbauern in einem Monat auf, um in die höhergelegenen Sömmerungsgebiete zu ziehen. Die Halbnomaden zügeln jeweils mit dem ganzen Dorf in die Höhe. Nur die Ältesten und die Kinder bleiben zurück.
Beim Nippen am salzigen Buttertee erzählen Vater und Sohn von ihrer Herde, den Leoparden, den Tigern und dem Sommerquartier. Die Yaks sind sehr anspruchslose und pflegeleichte Tiere. Die tiefe Produktivität stört die Bauern nur wenig, obwohl sie nicht mehr aus dem Staunen herauskommen, als ich von Ziegen erzähle, die 8 Liter Milch pro Tag geben können. Die hiesige Yakhaltung hat irgendwie etwas Folkloristisches, fliesst doch das Haupteinkommen der Yakhirten aus dem Sammeln des heiss begehrten "Cordyceps", auch als Chinesischer Raupenpilz bekannt. Die Yaks leben mehr von ihrer symbolischen Ausstrahlung, als von ihrem produktiven Beitrag für den Lebensunterhalt. Sie prägen aber nach wie vor das Leben der teilweise sesshaft gewordenen Nomaden im Hochland.
Während unserer Reisewoche in Zentralbhutan sind wir wenigen Schafen, vereinzelten Ziegen, viel lokalem Rindergemisch und sowohl Brown Swiss wie auch Jersey-Kühen begegnet. Ziegen werden oft nur als Glücks- oder Schutztiere gehalten. Schafe bleiben Ausnahmeerscheinungen und das magere Rindvieh macht in den meisten Fällen einen eher verwilderten Eindruck. Völlig andere Konsum- und Produktionsgewohnheiten als in unserer modernen Landwirtschaft erklären den eigenständigen Bezug zu Tieren. Auch bei der Nutztierhaltung ist der buddhistische Hintergrund prägend. So werden die Tiere nicht geschlachtet, sondern eher geopfert oder manchmal sogar der Natur überlassen, vielleicht zum Schmaus eines Schneeleoparden oder einer Bärenfamilie. Da das Töten eine schwere Sünde bedeutet, haben die Bhutanesen dieses Übel exportiert. Meistens übernehmen muslimische Inder das blutige Handwerk. Trotz dieser Strategie sehe ich immer wieder getrocknetes Yakfleisch an Leinen aufgehängt oder auf dem Boden ausgebreitet. Diese Tiere können doch nicht alle aufgrund eines natürlichen Todes gestorben sein! Nach hartnäckigen Recherchen erfahre ich denn auch an einigen Orten, dass es Ausnahmen gibt und Tiere für den eigenen Verzehr geschlachtet werden.
Der mittlere Weg des bhutanesischen Buddhismus lässt immer wieder Kompromisse zu und so wage ich denn auch die Diskussion unter den Kollegen aus Landwirtschaft und Umwelt zu lancieren, inwiefern kontrollierte Abschüsse von Wildsauen eine Lösung bei Konflikten sein könnten. Auf die oben gestellten Frage antworte ich jedoch mit zurückhaltender Vorsicht. Als jagdgewohnter Europäer kann ich nur vergleichen, wie wir Konflikte wahrnehmen, austragen und versuchen zu lösen. Der preventive Abschuss bei uns basiert eigentlich auf einer Rechtfertigung, die dem Buddhismus entspringen könnte: Schaden verhindern bedeutet Leiden verringern. Nie würde ich jedoch eine "licence to kill" ausstellen, in einer Gesellschaft, die durch das Verbot des Tötens einen Respekt gegenüber den Tieren geschaffen hat, von dem wir eigentlich nur lernen können.
Sonntag, 3. April 2011
GNH Part I
Wir stehen zwischen Wohnhaus und Stupa eines Bauern am Waldrand über Ura, einem ursprünglichen Bergdorf am Rande des Thrumsingla-Nationalparks. Er erzählt uns von Wildschweinen, Wachposten und Pilzen. Seine sanfte Entschlossenheit beeindruckt auch unsere Begleiter aus Thimpu. Er ist Präsident, der unlängst gegründeten Vereinigung der Pilzsammler. Der hier während der Monsunzeit spriessende Pilz, der Pine-Mushroom, hat ein gewissen Wohlstand und vermutlich auch ein wenig "Happiness" in die Gemeinde gebracht. Inzwischen ist die Gemeinde so gut organisiert, dass nur selten Konflikte entstehen. Mit strahlenden Augen erzählt der Pilzsammler-Präsident von seiner Familie und der Gemeinde, für die er sich jetzt selbstlos und unermüdlich engagiert. In seinem Garten ist eine Pilztrockner-Anlage installiert, die während der Regenzeit auf Hochtouren läuft. Vor allem die Japaner sind völlig verrückt nach diesem Pilz. Deshalb erzielt er für die hiesigen Verhältnisse traumhafte Preise. Die Verlockung des Reichtums hat schon manche Dorfgemeinschaft in Rivalitäten getrieben, nicht so in dieser Gemeinde mit 23 Haushalten. Alles wird zusammengelegt, Gewinne verteilt und wieder in die Dorfgemeinschaft investiert.
Die Bauern sind jedoch sehr offen, wenn es darum geht, die Dorfgemenschaft irgendwie glücklicher zu machen. Deshalb könnte sogar ein präventiver Abschuss von speziellen Störefrieden als Beitrag zur "GNH" verstanden werden. Unsere Diskussionen dazu werden noch bis nächste Woche andauern, wenn ich nochmals den Landwirtschaftsminister treffe.
Samstag, 2. April 2011
Cheese and Chili
Nach bald 7 Monaten unterwegs haben wir eine Ernährungsgrundregel in Asien ziemlich konsequent gepflegt: Einheimische Gerichte sind importierten "Klassikern", ob Hamburger oder Röschti, Pizza oder Continental Breakfest, immer vorzuziehen. Aber auch diese Regel wird durch die Ausnahme bestätigt und so riskieren wir sporadisch mal einen kulinarischen Abstecher in die Schweizer Küche. Das "Swiss Guesthouse" in Bumthang bietet sich da als vielgepriesene Adresse an. Zufällig treffen wir da auch noch dessen Gründer, Dasho Fritz Maurer, der in diesem Tal während den letzten 40 Jahren als kreativer und unermüdlicher Pionier bekannt geworden ist.
Mit einem gesunden Nationalstolz möchten wir Ugen, unserem Chauffeur und Thinley, unserer Begleiterin vom Landwirtschaftsministerium, ein Swiss-Fondue offerieren. Dazu darf natürlich auch ein kleines "Ständli" auf dem Oergeli nicht fehlen. Die Freude der Bhutaner und unsere leicht patriotischen Gefühle verschwinden aber bereits nach dem ersten Rühren und Probieren der weltbekannten Käsesuppe: Der Geschmack ist so miserabel, dass selbst dem eingefleischten Käseliebhaber die Fonduestimmung verdorben wird. So essen die Bhutaner aus reinem Anstand noch ein paar Brocken und wir machen stimmungshalber mit, bis wir schliessliche alle aufgeben. Nur Simea rührt fröhlich weiter und kriegt allmählich rote Backen. So sehnen wir uns nach Reis und Chili, was wir seit mehr als drei Wochen tagtäglich geniessen. Mit einem mehligen Nachgeschmack bezahlen wir eine saftige Schweizer Rechnung, da nicht nur die Inneneinrichtung, sondern auch die Preise gut schweizerische gestaltet sind.
Auf der Weiterfahrt versuchen wir diesen missratenen Fondueplausch schnellsmöglich zu vergessen. Das Verdauen dieses kulinarischen Flops stellt sich aber bald als ein schwieriges Unterfangen heraus. Denn sowohl Ugen wie auch Thinley fühlen sich schlecht und schaffen es trotz grossen Anstrengungen einfach nicht, den Käseklumpen in ihren Mägen zu verarbeiten. Das erste Fondue im Leben auf den Strassen Bhutans zu verdauen wird deshalb zu einer echten Herausforderung, bis wir schliesslich doch noch unser Nachtlager in Trongsa erreichen.
Freitag, 1. April 2011
Tigerpfad
Wir halten neben einem frisch renovierten Bauernhaus und diskutieren über die Rasselbüchsen, die über den frisch gepflügten Äcker baumeln. Sie sind mit einer Schnur zum Wohnhaus verbunden, um die hartnäckigen Wildschweine zu vertreiben. Der hiesige Bauer ist ein gebildeter Mann und spricht gut Englisch. Er lädt uns alle zum Tee ein und wir diskutieren über die allgemeine "Wildlife-Situation". Neben dem Problem mit den Wildsschweinen stehen wiederum die Tiger im Mittelpunkt des Interesses. Seit hier vor einem knappen Jahr ein Mann von einem Tiger getötet wurde, leben die Leute ständig mit einem gewissen Unbehagen, das immer wieder in Angst oder sogar Panik umschlagen kann. In der Nacht geht niemand mehr alleine aus dem Haus, die Trittspuren der Tiger sind so nahe an den Siedlungen, dass überall Vorsicht geboten ist. Auch wenn das Risiko eines Tigerangriffs nach wie vor minimal ist, sind die Ängste gut nachvollziehbar. Ringsum die Höfe liegt pure Wildnis. Eine grüne Hölle, in der vielerorts noch keine Menschenseele das Dickicht durchdrungen hat. Die Naturgewalten sind so dominant, dass das Zusammenleben mit den Wildtieren noch heute eine Überlebensfrage ist. Die momentane Tigerpräsenz hat sich in den letzten Jahren zugespitzt. Dies ist aber kein Grund für die hiesige Bauernfamilie zu klagen. Für sie bleiben die Tiger ein zu respektierendes Tier, das ihnen eigentlich Glück bringen sollte. Sie betonen denn auch, dass Tiger eigentlich nie Menschen angreifen würden und der tödliche Zwischenfall letzten Jahres nur ein schicksalhafter Zufall war.
Nach dem gemeinsamen Tee und einigen Familiengeschichten fahren wir einige Kilometer weiter der Passstrasse entlang, bis wir zu Fuss auf einem steilen Waldpfad weitergehen. Wir wollen den Tatort des tödlichen Tigerangriffs besuchen. Der äusserst artenreiche Wald ist flechtenbehangen und eher licht als dicht. Die weissen Magnolienbäume blühen mit den roten Rododendren um die Wette. Das Moos leuchtet in der fahlen Sonne, die sich allmählich gegen die Nebelschwaden durchsetzt. Bei einer kleine Weggabelung halten die Wildhüter: Hier haben sich in der Morgendämmerung die Wege von Tiger und Bauer gekreuzt. Wir rekonstruieren die Szene, wie sie sich wohl abgespielt hat. Die Photos beeindrucken uns alle, vor allem beim Anblick der gewaltigen Trittspuren, wie auch den Nachtaufnahmen, die hier unweit vom "Tatort" einige Monate später gemacht wurden.
Mit einem gemütlichen Picknick am Strassenrand verarbeiten wir den spannenden Morgen, bedanken uns schliesslich bei den sehr sympathischen Wildhütern und ziehen weiter Richtung "little Switzerland", dem Hochtal von Bumthang. Noch lange erzählen unsere Mädchen während der Autofahrt vom Tigerangriff und auch bei ihnen schwankt die Geschichte zwischen Faszination und Ängsten.
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